Frage zu Schiffsmanöver

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newclassic99
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Frage zu Schiffsmanöver

Beitrag von newclassic99 »

Eine Frage an die erfahrenen Reisenden hier...
Wir waren mit der MSC Spendida jetzt ab dem 31.07. auf Mittelmeerreise. Am Hafen von Ancona war war das Wetter noch relativ schön, aber eine dunkle Wolkenwand näherte sich. Das Schiff war gerade am Einlaufen in den Hafen und drehte dann mit dem Bug schräg zur Mole.
Ich war auf dem Balkon ganz vorne als plötzlich innerhalb von wenigen Sekunden eine Art Hurrikan losbrach und das Schiff von der rechten Seite traf.
Das Schiff setzte dann eindeutig mit dem Wellenbrecher an der Hafenkante auf und legte sich durch den Wind "brutal" schief. In unserer Kabine fielen Tablets vom Tisch und in den Restaurants ging wohl auch einiges zu Bruch. Die Geräusche vom Bug waren heftig. Nach ein paar Minuten war der Spuk vorbei. Wir haben dann noch gesehen, dass mindestens ein Schlepper das Schiff hinten gehalten hat.
War ein mega Schreck, aber das Schiff fuhr mit 5 Stunden Verspätung dann weiter.
Ist ein solche Manöver üblich? Das Schiff mit dem Wellenbrecher gegen die Mole zu setzen, um es zu stabilisieren?
Auf Youtube findet sich ein kurzes Video zum Sturm (MSC Splendida Ancona) vom 01.08.2021
newclassic99
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Re: Frage zu Schiffsmanöver

Beitrag von newclassic99 »

Als kleinen Eindruck über die Gewalt des Sturmes. Ich habe Stühle gesehen, die mindestens 100m weit vom Schiff geweht wurden.
20210801_180221.jpg
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HeinBloed
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Re: Frage zu Schiffsmanöver

Beitrag von HeinBloed »

Der 40'-Leercontainer wiegt ein bisschen mehr als ein Tisch: 4 t...
newclassic99
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Re: Frage zu Schiffsmanöver

Beitrag von newclassic99 »

Ja, da kann man sich vorstellen, welche Kraft auf ein Schiff wirkt. Trotzdem sehr beruhigend, dass es sich "nur" stark geneigt hat. Mich wundert es nur, dass der Hafen angelaufen wurde. Außer die Verantwortlichen waren selbst von der Stärke überrascht
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HeinBloed
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Re: Frage zu Schiffsmanöver

Beitrag von HeinBloed »

Also wir hatten mal soviel Schlagseite, dass von den Servicestationen und im Restaurant Geschirr auf dem Boden rutschte und zerschlug...

Es passiert... ich gehe mal davon aus: wenn Ancona kein Passagierwechsel gewesen wäre, hätte der Kapitän u. U. entschieden nicht anzulegen. Es gibt ja auch die Voraussicht: komme ich später wieder weg? Da ist es uns schon öfters passiert, dass wir daher keinen Anlegeversuch gemacht haben, weil der Kapitän Angst hatte, jetzt zwar anlegen zu können, aber abends nicht wieder wegzukommen.

Einmal hatten wir mit "Schräglage" angelegt: wir Passagiere durften jedoch nicht von Bord, sondern nur der Teil-Crew-Wechsel und die Beladung mit Lebensmitteln und Entsorgung von Müll war erlaubt. Da wurden wir auch von Wind schief an die Pierwand gedrückt. Zwei Schlepper haben versucht uns zu halten. Das ist aber gutgegangen.
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fneumeier
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Re: Frage zu Schiffsmanöver

Beitrag von fneumeier »

Ich verstehe nicht, was Du mit "mit dem Wellenbrecher gegen die Mole setzen" meinst. Was meinst Du mit "Wellenbrecher"?

Ein Kreuzfahrtschiff ist vergleichsweise hoch und hat entsprechend viel "Segelfläche", also Windangriffsfläche. Wenn das Schiff durch den Wind an den Kai/Mole gedrückt wird, kann man nur versuchen mit dem Bugstrahlruder oder einem Schlepper entgegenzuwirken. Ab einer bestimmten Windstärke ist jedes Schiff den "Elementen" ausgesetzt.

Als Beispiel, in Tallinn war der Wind so stark, dass wir auch mit Unterstützung eines Schlepper nicht hätten ablegen können. Der Wind hätte uns gegen den Kai gedrückt. Der Kapitän sagte damals etwas von 30 oder 33 kn Windstärke, danach ginge nichts mehr. Bei uns war es mehr.

Du schreibst, dass ein Schlepper da war. Offensichtlich konnte dieser aber auch nichts ausrichten und das Schiff wurde gegen den Kai gedrückt. Da es auch noch nicht festgemacht war, kann der Wind natürlich weiter angreifen und das Schiff neigt sich zur Seite (Krängung). Das ist physikalisch nicht anders machbar.

Es gibt bei jedem Schiff vor der Indienststellung bei den Sea Trials Krängungstests. Ein Schiff muss technisch gesehen, eine bestimmte seitliche Neigung schlicht aushalten. Oder wie man immer hört, das Schiff hält deutlich mehr aus als die Menschen an Bord. Sprich, eher kommen die Passagiere und Crew zu schaden, das Schiff hält das aus. Wir hatten mal das Vergnügen, die Auswirkungen eines Hurrikanes mitzuerleben (über mehr als 24 Stunden). Das ist kein Spaß! Wir hatten in der Nacht auch mal eine sehr extreme seitliche Neigung, bei der viel an Bord zu Bruch ging - von Kabinenfernsehern (noch alte Röhrengeräte bis hin zu Kunstwerken oder Groß-Kaffeemaschienen, die eigentlich fest verschraubt waren). Es gab auch einige Verletzte. Wir kamen mit gut einem halben Tag Verspätung am Endziel an. Seitdem weiß ich, dass ich wohl doch ziemlich seefest bin.

Was bei Dir passiert ist, klingt danach, als hätte man versucht vor dem Sturm in den Hafen zu kommen und dafür bereits die Unterstützung eines Schleppers angefordert. Der Sturm kam dann doch schneller und das Schiff wurde gegen den Kai gedrückt und neigte sich dabei. Nein, das ist kein normales, geplantes Manöver. Aber es passiert halt.

Gruß
Carmen
Ewald
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Re: Frage zu Schiffsmanöver

Beitrag von Ewald »

Nabend Carmen,
ich vermute mal das er mit "Wellenbrecher" den Wulstbug meint.... ?!
Ewald
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Re: Frage zu Schiffsmanöver

Beitrag von newclassic99 »

Genau, musste kurz googeln. Was ich unter "Wellenbrecher" gemeint hatte, ist der Wulstbug. Aber der sorgt ja auch für das Brechen der Wellen ;-)
Der ist dann wohl am Kai entlanggeschrammt. Die entstehenden Geräusche klangen eher nach reißendem Metall, aber wir waren auch ganz vorne. Und bei der Neigung und den Geräuschen schon mal vorsichtshalber dabei, den Safe auszuräumen.
Ein Crew-Mitglied hat später was von einem "Manöver" gesagt, weil ich ihn darauf angesprochen hatte.
Der Schlepper hat das Schiff am hinteren Ende direkt weggedrückt, was sicher auch nicht normal ist. Die schwarzen Druckstellen waren gut sichtbar.
Vielen Dank Carmen für die Erläuterung.
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Re: Frage zu Schiffsmanöver

Beitrag von lioclio »

@newclassic99
Wenn es nur kurze Zeit gedauert hat könnte es auch eine Fallböe gewesen sein, die das Schiff getroffen hat. Die treten ziemlich plötzlich auf und sind nicht wirklich vorhersehbar, können aber viel Schaden anrichten. Auf der anderen Seite der Adria tritt diese Wettererscheinung wohl häufiger auf.

LG Anna
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Re: "Schiffsmanöver" war ein Unfall

Beitrag von Seekater »

newclassic99 hat geschrieben: 08.08.2021 16:55 (...) Das Schiff setzte dann eindeutig mit dem Wellenbrecher an der Hafenkante auf und legte sich durch den Wind "brutal" schief.
(....)
Ist ein solche Manöver üblich? Das Schiff mit dem Wellenbrecher gegen die Mole zu setzen, um es zu stabilisieren?
Nein, das ist kein übliches Mannöver, sondern - so wie Du das schilderst - ein kleiner Unfall, der anscheinend glimpflich verlief.

Zur Erläuterung:
Der Wulstbug - von Dir Wellenbrecher genannt - ist dafür konstruiert, um unter Wasser, vor dem eigentlichen Bug, eine Welle zu erzeugen, so dass der eigentliche Bug dann im Wellental ist und weniger Wasser verdrängt. Dadurch wird bei glatter See Sprit gespart. Der Wulstbug ist also keine Ramm-Einheit, auch kein Teil zum Abstützen des Schiffes. Dafür ist er nicht konstruiert.
Wenn der Wulstbug mit lauten Geräuschen den Kai gerammt hat, muss hinterher eine Dichtheitskontrolle und eine Inspektion der Schadensstelle durch Taucher durchgeführt werden. Zwar ist der Wulstbug wasserdicht vom restlichen Schiff gebaut, ein permanentes "geflutet fahren" ist stellt jedoch ein Sicherheitsrisiko dar.
In Deutschland registrierte Schiffe, werden nach derartigen Unfällen vom Bundesamt für Seeunfall-Untersuchung überprüft.

SG
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Re: Frage zu Schiffsmanöver

Beitrag von newclassic99 »

Danke für Eure viele Infos. Das erklärt dann vermutlich auch, warum wir mit so viel Verspätung abgelegt haben. Die offizielle Durchsage war, dass wir wegen starker Winde nicht ablegen konnten (die dann unverändert waren als wir abgelegt hatten).
Schade, dass von der Brücke keine Erläuterung kam. Natürlich war der Vorfall Tagesgespräch.
Aber beruhigend, was so ein Schiff dann doch alles wegstecken kann.
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